10. Mai 2026

DIE NACHT IST KEIN ORT MEHR

die nacht ist kein ort mehr

sie ist splitter

sie ist schreien ohne echo

sie ist mutter, die nichts mehr hält

außer luft

und gebrochenem atmen

in gaza

hat der boden verlernt zu tragen

und der himmel verlernt zu schweigen

er fällt

in fragmenten

auf schultern,

die zu klein sind für schuld

und zu jung für tod

ich sehe

was ich schon kannte

bevor ich geboren wurde

in bildern,

die mein Urgroßvater

nie aussprach –

nur in den zuckungen seines schlafs

habe ich gelernt

was bomben bedeuten

die sprache des leidens

ist immer dieselbe:

staub

staunen

stille

schreie

die nicht ankommen

100 jahre

und das feuer

trägt denselben geruch

nach metall

nach muttermilch

die versiegte

weil auch wasser

politik wurde

ich kenne das

nicht weil ich dort war

sondern weil ich von dort bin

nur ein anderes dort

ein anderes jetzt

und doch:

das gleiche blut

der gleiche grund

die gleiche gleichgültigkeit

von denen,

die zählen

statt zu sehen

und irgendwo

zwischen trümmer und trommelfell

singt eine stimme

leise

so leise

dass nur die, die verloren haben,

sie hören können:

wir sind noch da.

wir waren immer da.

und selbst wenn ihr uns begrabt

wird die erde euch erinnern.